Praxis für Psychotherapie und Neuropsychologische Therapie
Dipl.-Psych. Lorenz Völkel

KI und Chatbots als Berater in allen Lebenslagen?
Risiken und Nebenwirkungen der künstlichen Intelligenz im Alltag

Wenn KI als „Therapeut und Berater“ krank macht

Die Nutzung von KI Sprachmodellen nimmt durch Handy APP’s und die Einbindung in Suchmaschinen immer mehr zu. Der kurzfristige Vorteil in vielen Situationen ist sofort spürbar. Plötzlich ist da eine allgegenwärtige Stimme, die scheinbar auf jede Frage eine treffende Antwort weiß. Aber welche langfristigen Auswirkungen hat dieser virtuelle Beraterstab auf unsere geistigen Fähigkeiten und unsere Psyche?

Ein komplexes Problem ist die Funktionsweise von Anwendungen zur künstlichen Intelligenz bei der Nutzung als emotionaler Berater oder sogar Ersatz für eine Psychotherapie. Neben kurzfristig positiven Effekten kann es mittelfristig dadurch zu einer Verstärkung von psychischen Beschwerden kommen. Im schlimmsten Fall tritt eine Dynamik wie die sog. KI assoziierte Psychose ein, welche ohne die Nutzung der KI gar nicht aufgetreten wäre. Dabei funktioniert der Austausch mit dem Chat-Bot wie ein sich wechselseitig verstärkendes System (digitale Echokammer). Viele große KI-Sprachmodelle sind programmiert, Menschen positive bzw. zustimmende Rückmeldung zu geben (simulierte Empathie) und ihnen immer neue Rückfragen zu stellen, um sie länger in einem Gespräch zu halten (sog. Chatbait). Des Weiteren können von der KI ausgegebene Ergebnisse dabei frei erfunden sein, sog. KI-Halluzinationen. Dadurch können Fehleinschätzungen von Betroffenen z.B. bestärkt werden und sich aufschaukeln, bis hin zum wahnhaften Erleben oder Realitätsverlust. Es wurden KI assoziierte manische Phasen und Psychosen auch bei Menschen beschrieben, welche mitten im Leben standen und vorher keine Anzeichen von psychischen Auffälligkeiten aufwiesen. Weiterhin gab es Fälle, in denen sich selbstverletzendes Verhalten oder sogar Suizidalität nach der exzessiven Nutzung von KI Sprachmodellen verstärkt hat. Hierbei spielen die Verfügbarkeit und das Gefühl der Privatheit der KI-Anwendungen eine große Rolle. Wenn es Betroffenen leichter fällt, mit ihrer KI-App auf dem Handy über ihre Probleme zu sprechen als mit anderen Menschen – könnte dies einen sozialen Rückzug verstärken, als wichtigen Risikofaktor für psychische Erkrankungen. Außerdem kann das Gefühl entstehen, keinen menschlichen Therapeuten zu benötigen, da man ja „seinen“ KI-Therapeuten immer dabei hat. Zudem ist das Tempo der Entwicklung der KI so hoch, daß wissenschaftliche Forschung über mögliche schädigende Auswirkungen zu spät kommt.

Daher möchte ich auf diesem Wege auf diese Probleme hinweisen und sensiblisieren. Wenn Sie seelische Beschwerden haben und KI Chatbots nutzen - bitte sprechen Sie auch mit Freunden und Familie aber auch mit ihrem Arzt oder Psychotherapeuten über ihre Gespräche mit der KI. Nutzen Sie bei längeren Wartezeiten auf ambulante Psychotherapie niederschwellige Beratungsangebote wie die Telefonseelsorge oder Selbsthilfegruppen, themenbezogene Beratungstellen - mit echten Menschen.

Je mehr künstliche Intelligenz - um so weniger natürliche Intelligenz?

Stellen wir uns einen mächtigen König vor, umgeben von hunderten Beratern, Experten, Wissenschaftlern, Ingenieuren, Handwerkern, Ärzten, Künstlern, Philosophen, etc. Alle nur einen Fingerschnipp entfernt, stehen sie bereit, um dem König jeden Wunsch von den Lippen abzulesen. Wird der König mit der Zeit nicht faul, dumm und träge? Eines der wichtigsten Regeln der Neurowissenschaften ist die, dass unser Gehirn ein Energiesparer ist. Nervenzellen die gemeinsam aktiviert werden, verbinden sich immer mehr miteinander („fire and wire“). Dies ist die Grundlage des Lernens auf zellulärer Ebene. Das gilt aber auch in der entgegengesetzten Richtung. Dies beschreiben die Neurowissenschaftler als Plastizität oder Formbarkeit des Gehirns treffend mit „Use it or lose it.“ – also etwa „Was nicht genutzt wird – verkümmert.“

Welche Fähigkeiten könnten Menschen verlieren, wenn sie im Alltag exzessiv künstliche Intelligenz nutzen? Genau die grundlegenden Fähigkeiten, aus denen sich unsere "natürliche" Intelligenz neben erworbenem Wissen (kristalline Intelligenz) zusammensetzt - die sog. fluide Intelligenz. Zum Beispiel Kreativität als Ideenfindung und zum Generieren von Zielen. Die Fähigkeit zur Analyse von verschiedenen Informationsquellen, um Lösungsschritte für komplexe Probleme zu planen. Das Treffen von Entscheidungen und das Priorisieren, also eine Rangfolge nach der Wichtigkeit von Teilzielen zu treffen. Das Vorhersehen von Hindernissen und die Fehlerkontrolle bzw. kritische Überprüfung erreichter Ergebnisse. Erste wissenschaftliche Studien deuten auf die Abnahme solcher Fähigkeiten als Folge der exzessiven Nutzung von KI Sprachmodellen hin. 

Dies könnte langfristig auch ein Risiko für eine Beschleunigung geistiger Abbauprozesse darstellen und zu einer vorzeitigen Altersdemenz führen. Daher sollte präventiv im Alltag auf eine ausgewogene Nutzung von Künstlicher Intelligenz geachtet werden. Das Motto sollte sein "soviel wie nötig - so wenig wie möglich".  Weiterhin sollten frei werdende Kapazitäten auch für aktive geistige Prozesse genutzt werden: Lesen, tiefgehende Gespräche und angeregte Diskussionen, künstlerisches Gestalten, Knobelaufgaben, Gesellschafts- und Brettspiele, Erlernen neuer komplexer Bewegungsfolgen (Musikinstrumente, Tänze, Yoga, Qi Gong, koordinativ anspruchsvolle Sportarten) - alles was unsere grauen und weißen Zellen anregt.


 
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